WELTANSCHAUEN - einfach reisen zu Land und Leuten
Ich sitze gerade im Zug von Budapest Richtung Wien und schreibe die Eindrücke unseres letzten Tages in Rumänien.
Am Montag Vormittag haben wir Freizeit zur Erkundung von Sibiu / Hermannstadt. Das Wetter ist wunderbar, die Stadt lädt zum Flanieren ein. Viele gehen auf den Turm der gerade neu renovierten evangelischen Stadtpfarrkirche und schauen sich Hermannstadt und die Umgebung von oben an. Der Blick reicht auf der einen Seite in die grünen Hügel Siebenbürgens und auf der anderen in die schneebedeckten Gipfel der Südkarpaten.
Am Vormittag besuchen wir das Landlerdorf Neppendorf, das heute am Stadtrand von Sibiu liegt und eingemeindet ist. Wir nehmen um 10 Uhr am deutschsprachigen evangelischen Gottesdienst teil und nachher kommen wir mit einigen Gemeindemitgliedern und Pfarrer Dietrich Galter ins Gespräch. Dort besuchen wir auch das kleine Landlermuseum. Die Landler wurden im 18. Jh. wegen ihres evangelischen Glaubens aus Österreich vertrieben und fanden hier in den siebenbürgisch-sächsischen Dörfern rund um Hermannstadt ihre neue Heimat. Die meisten kamen aus dem Salzkammergut und auch fast 300 Jahre später sprechen die heutigen Nachfahren noch den landlerischen Dialekt des inneren Salzkammerguts. Die Siebenbürger Sachsen kamen schon viel früher im 11. und 12. Jahrhundert freiwillig hierher. Sie wurden vom ungarischen König mit Privilegien angeworben. Die meisten kamen aus dem Raum des heutigen Luxemburg und Rheinland-Pfalz. 1930 lebten etwa 300.000 Angehörige der deutschen Minderheit in Siebenbürgen, im Jahr 2007 waren es nur noch knapp 15.000. In den 1970er Jahren und vor allem ab 1990 wanderten viele aus, die meisten nach Deutschland.
Am Freitag erwartet uns Traumwetter für unseren Ausflug. Von unseren Zimmern haben wir einen wunderbaren Blick auf den Fluss und genießen die Ruhe und Abgeschiedenheit der Region. Früher in kommunistischer Zeit war das hier Sperrgebiet – man wollte vermeiden, dass zu viele die Flucht nach Serbien versuchen. Heute entsteht am Donauufer touristische Infrastruktur und es werden leider auch viele Bausünden begangen. Vor allem am Wochenende gibt es hier viele Ausflugsgäste.
Wir werden heute von Cristian begleitet. Er ist Biologe und Wanderführer und arbeitet beim WWF. Heute steht der Donaudurchbruch im Mittelpunkt unseres Programms. Am Vormittag machen wir eine Bootsfahrt durch diese wunderschöne Landschaft, die Kasanpass genannt wird. Die enste Stelle ist hier nur knapp über 200 m breit. Auf beiden Seiten – in Serbien ebenso wie in Rumänien – ragen steile Felswände empor. Kaum zu glauben, dass wir hier nur 55 Meter über dem Meer sind! In diesem Abschnitt öffnet sich am Donauufer auch die Veterani-Höhle – die weltweit erste Höhle, für die eine Karte erstellt wurde, denn sie wurde von einem österreichischen General als Vorposten gegen die Türken ausgebaut.
Am Mittwoch trafen wir Ramona Laczko David, die verantwortliche Koordinatorin für das Projekt Timișoara 2023 und sie lässt uns hinter die Kulissen der Kulturhauptstadt blicken. Das Konzept basiert auf drei Säulen: Menschen, Orte und Verbindungen und man will das Budget mehr für Investitionen in soziale, wirtschaftliche und vor allem kulturelle Entwicklung investieren als in Gebäude und Infrastruktur, damit auch nachhaltig etwas bleibt. Ein Besuch ist auf jeden Fall empfehlenswert und es ist ja nicht weit von Österreich. Man kommt auch sehr einfach mit dem Zug hierher, z.B. ab 8:42 von Wien Hbf nach Budapest und dann weiter nach Timisoara. Kostenpunkt: leistbare 70 Euro.
Mit Weltanschauen und dem katholischen Bildungswerk OÖ besuchen wir die europäische Kulturhauptstadt Timisoara 2023. Nach der angenehmen Anreise mit dem rumänischen Nachtzug, der jeden Tag Wien mit der rumänischen Hauptstadt verbindet, haben wir hier spannende Gespräche.
Am Montag gab es eine Begegnung mit dem Bürgermeister von Timisoara. Dominik Fritz ist Deutscher, war Büroleiter des deutschen Präsidenten Horst Köhler, wurde 2020 auf Anhieb zum Bürgermeister gewählt und hat schon viel verändert. Sein erster Kontakt mit Rumänien war ein freiwilliges soziales Jahr, das er in einem Kinderheim der Caritas Temeswar als 19 jähriger machte. Nicht verkneifen konnte er sich die Frage, ob wir im Nachtzug an der ungarisch rumänischen Grenze auch in den Genuss der Grenzkontrollen mitten in der Nacht gekommen sind, die unser ÖVP Innenminister durch sein Schengen Veto zu verantworten hat. Denn die europäische Grenze verläuft nicht zwischen Ungarn und Rumänien.
Gleich vorweg, es war eine rundum tolle und gelungene Reise, die auf allen Ebenen gepasst hat.
Unsere schneearmen Winter lassen die Sehnsucht nach Winterpracht und Tiefschnee, Flockentanz und das Knirschen von Schnee so richtig anwachsen. Und so war die Hoffnung groß, dies in den Karpaten erleben zu können.
So sollte es zwar nicht sein ...